Ludwig van Beethoven – und Berufspolitiker heute!

Was die Beschäftigung mit dem großen Komponisten über politische Führung, Mut und Willensstärke lehrt.

Hannover, 4. Januar 2019. Ludwig van Beethoven wäre heute 248 Jahre, 0 Monate, 19 Tage alt – oder 90.599 Tage. Willkommen im Beethoven-Jahr! Beethoven-Jahr? Ist das nicht erst 2020, zum 250 Geburtstag Beethovens? Für mich nicht. Derzeit erarbeitet die Geburtsstadt Beethovens, die Bundesstadt Bonn ein 365-Tage-Programm. Es beginnt am 17. Dezember 2019 und endet 17. Dezember 2020. Aus Ermangelung einer eindeutigen Dokumentation des Geburtstages– ich gehe mit gefühlter Sicherheit vom 16. Dezember, meinem Geburtstag aus – wählte man den Tag der Taufe des berühmten Sohnes der Stadt.

Wer oder was war Beethoven?

Auf Beethoven treffen viele Beschreibungen und Superlative zu. Er führte die Wiener Klassik zu ihrem Höhepunkt. Er bereitete der Romantik den Weg. Er war Revolutionär und Visionär. Ein fantasievoller Künstler, voller musikalischer Ideen. Ein mutiger, leidenschaftlicher Mensch. Immer in Bewegung. Viel gereist. Oft umgezogen – alleine in seinen Wiener Jahren seit 1792 sollen es rund 50 Wohnungen gewesen sein. Unverheiratet, aber oft verliebt. Zugleich schwermütig, schwerhörig, mit 48 Jahren vollständig taub. Sternzeichen Schütze. Rastlos. Zweimal wurde er von der österreichischen Gendarmerie als Landstreicher festgenommen.

Beethoven-Jahr im Koalitionsvertrag der Bundesregierung von 2013

Der Bundesrepublik Deutschland, dem Land Nordrhein-Westfalen und der Stadt Bonn ist das Erbe Beethovens wichtig, sehr wichtig. Vielleicht spring meine Geburtsstadt Koblenz noch auf, wo Beethovens Mutter im Stadtteil Ehrenbreitstein geboren wurde. An Initiativen zum 250. Geburtsjahr des großartigen Deutschen mangelt es jedenfalls nicht. Es hat als „Nationale Aufgabe“ Einzug in den Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD aus dem Jahr 2013 gehalten: „Der 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven im Jahr 2020 bietet herausragende Chancen für die Kulturnation Deutschland im In- und Ausland. Deshalb ist die Vorbereitung dieses wichtigen Jubiläums eine nationale Aufgabe.“ Und auch das Land Nordrhein-Westfalen bläst ins selbe Horn: „Unser erklärtes Ziel ist es, dieses Beethoven-Jahr für Bonn, für Nordrhein-Westfalen und für Deutschland zu einem großen Ereignis zu machen.“

Mut, Innovationsfreude, Gestaltungswille

Mit dem Koalitionsvertrag und der Bündelung der Aktivitäten von Bund, dem Land Nordrhein-Westfalen, die Beethoven- und Bundesstadt Bonn sowie dem Rhein-Sieg-Kreis sind wir schon bei der Politik. Sogar Ebenen-übergreifend, ganz harmonisch. Auch wenn es gewagt ist und Historiker und Musikwissenschaftler die Nase rümpfen werden: Mit diesem Beitrag möchte eine Brücke schlagen zwischen dem Menschen Ludwig van Beethoven und seinen Charaktereigenschaften sowie Menschen in der heutigen Politik. Denn Beethoven – zumindest empfinde ich dieses so – kennzeichneten Verhaltensweisen und Einstellungen, die vielen Berufspolitikern auch heute gut zu Gesicht stehen könnten. Sie erfordern Mut, Innovationskraft, Unabhängigkeit, Ehrgefühl, Selbstbewusstsein, Verantwortung und eine enorme Kraft und Hartnäckigkeit.

„Fürst, was Sie sind, sind Sie durch Zufall und Geburt, was ich bin, bin ich durch mich; Fürsten hat es und wird es noch Tausende geben; Beethoven gibt’s nur einen ec.“, schrieb Beethoven selbstbewusst, fast frech an Fürst Karl Lichnowsky im Oktober 1806. An einigen Zitaten und Lebenssituationen, die mich sehr beeindrucken, möchte ich zeigen, warum es sich für Politiker lohnen kann, sich mit Beethoven zu beschäftigen. Alle Zitate habe ich folgender Website entnommen: https://www.beethoven.de/page/Erfahren#lvb_zitate

Freiheitsliebend in unruhigen Zeiten

Wie wir heute, lebte Beethoven in einer Zeit des Umbruchs. Europa war geprägt von Konflikten und Kriegen. „Welch zerstörendes, wüstes Leben um mich her! Nichts als Trommeln, Kanonen, Menschenelend in aller Art!“ beschrieb der Wahl-Wiener das Geschehen um ihn herum. 1805/1806 und noch einmal 1809 wurde Wien von Französischen Truppen unter Napoleon belagert und besetzt. Zweimal musste Österreich drückende Friedensbedingungen annehmen. Während der Besetzung im Jahr 1809 starb am 31. Mai der Wiener Lehrer des jungen Beethoven, Joseph Haydn.

Der Pianist und Komponist Beethoven war selbstbewusst, neugierig, sozial und freiheitsliebend. In seinen späteren Lebensjahren, gekennzeichnet von gesellschaftlicher Isolierung durch seine Taubheit, interessierte er sich sehr für Philosophie, Literatur und Politik. Schon früh hatte er gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Nachdem sein Vater Johann van Beethoven mehr und mehr dem Alkohol verfiel und die Mutter starb, musste der junge Mann die Rolle des Familienoberhauptes übernehmen. Pflichten zu übernehmen und auf berechtigte Erwartungen anderer einzugehen, lernte er in seiner Jugend.

Vorwärtsgerichtet, tatkräftig, sozial

Immer drängte es Beethoven nach vorne. Immer war er an Verbesserungen interessiert: ein arbeitender Perfektionist. „Die Grenzen sind noch nicht gesteckt, die dem Talent und Fleiß entgegenriefen: bis hierher und nicht weiter!“, befand er. Neuland zu betreten war ihm ein wichtiges Anliegen. Zugleich war er freiheitsliebend und trotzt seiner Isolierung in späten Lebensjahren fürsorglich und sozial. Auch wenn es seine Mitmenschen oft mit ihm schwer hatten: In seinen überlieferten Briefen wirkt der Mensch Beethoven interessiert an und besorgt um seine Mitmenschen. Einige seine Schüler unterstützte er finanziell, wenn sie mal in Not waren. In seinem Testament, 1802 während eines Kuraufenthalts in Heiligenstadt erstellt, bittet er für seine oft raue Art um Entschuldigen und versucht sie mit seiner zunehmenden Ertaubung zu rechtfertigen. Rauheit bedeuteten für ihn auch Ehrlichkeit und Einstehen für die eigene Meinung: „Wohltuen, wo man kann – Freiheit über alles lieben – Wahrheit nie auch sogar am Throne nicht, verleugnen!“, schrieb Beethoven auf Seite 304 als Handlungsmaxime am 22. Mai 1793 in Wien in das Stammbuch von Theodora Johanna Vocke aus Nürnberg. Er zitiert dabei Friedrich Schiller aus „Don Carlos“. Glaube und Ehrgefühl sind ihm besonders wichtig. An Carl Friedrich Peters in Leipzig schickte Beethoven im Juni 1822 die Botschaft: „Ich versichere Sie auf meine Ehre, welche mir nächst Gott das Höchste ist.“

Mit Kraft und Pragmatismus der Krise trotzen

Beethovens Erfolg als Pianist und Komponist wurde von einer Erkrankung überschattet, die für einen Musiker einer Katastrophe gleichkam: 1795-1797 machten sich Anzeichen einer Hörschädigung bemerkbar. Sie führe 1808 zu starker Schwerhörigkeit und schließlich 1819 zu völliger Taubheit. Kommunikation mit anderen Menschen waren ihm von diesem Zeitpunkt an nur schriftlich möglich. Immer mehr wurde er zu einem Einzelgänger. Vielleicht wegen seiner zunehmenden gesellschaftlichen Isolierung aufgrund seines Gehörleidens und seiner völligen Taubheit ab 1818/1819, hatte er ein sehr feines Gespür dafür, was Menschen bewegt, was sie leitet, was ihr Denken und Handeln bestimmt. Und er wusste, dass Bedürfnisse und Interessen sowie Gefühle oft handlungsleitend sind. Auch wenn es banal klingt, musste es erst einmal ausgesprochen werden: „Ich glaube, so lange der österreicher noch Braun’s Bier und würstel hat, revoltirt er nicht.“, schrieb Beethoven an Nikolaus Simrock in Bonn im August 1794.

Optimistisch, realistisch und immer bereit zu lernen

„Das Beste an dein Uibel nicht zu denken ist Beschäftigung.“, trug Beethoven in sein Tagebuch der Jahre 1812-1818 ein. Und auch wenn das Zitat „Die Hoffnung nährt mich, sie nährt ja die halbe Welt, und ich hab‘ sie mein Lebtag zur Nachbarin gehabt, was wäre sonst aus mir geworden?“ Beethoven nur zugeschrieben wird, zeugt es von einem unbändigen Optimismus. Das Zitat soll einem Brief Beethovens an Bettina Brentano vom 11. August 1810 entstammen. Die Authentizität dieses Briefes ist jedoch nicht nachgewiesen. Beethoven kombiniert Optimismus mit Lernbereitschaft und Realitätssinn: „Verloren ist jeder [Tag], an dem wir nicht etwas Nützliches erlernt haben. Der Mensch besitzt nichts edleres und kostbareres, als die Zeit; darum verschiebe nie auf morgen, was du heute zu thun vermagst.“, ist seinem handschriftlichen Nachlass zu entnehmen. „Und wenn ich mich im Zusammenhang des Universums betrachte, was bin ich und was ist der – den man den Größten nennt“, formulierte Beethoven in einem nie abgeschickten Brief an seine bis heute unbekannte „Unsterbliche Geliebte“ im Juli 1812.

Und was hat das alles mit Politik und Berufspolitikern zu tun?

Gemäß dem Grundsatz des freien Mandats aus dem Grundgesetz (GG) sind Bundestagsabgeordnete nicht an Weisungen und Aufträge gebunden. Sie sind Vertreter des gesamten Volkes anzusehen und dürfen ihre Entscheidungen nach eigenen Überlegungen treffen. Sie unterliegen dabei lediglich ihrem Gewissen. Sie erhalten Diäten, um im Sinne der Verfassung unabhängig entscheiden zu können. Soweit die Theorie. Trotz des Art. 38 Absatz 1 GG versuchen die Fraktionen im Bundestag, bei wichtigen Entscheidungen ihre Abgeordneten durch Drohung mit Konsequenzen „auf Linie zu bringen“ um die Fraktionsdisziplin zu wahren. Viele Wähler erwarten von ihren Fraktionen im Bundestag Geschlossenheit und Klarheit.

Die Kanzler und Minister der Bundesrepublik Deutschland leisten bei der Vereidigung durch den Bundespräsidenten einen Amtseid: Der Wortlaut lautet (Art. 56 GG): „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde (…).“ Soweit die Theorie, auch hier. Denn auch die Mitglieder der Bundesregierung unterliegen Zwängen, (partei-)politischen Spielregeln, den „Gesetzen“ und Abhängigkeiten der Mediengesellschaft sowie der sozialen Medien.

Gerade deswegen ist Charakterstärke gefragt. Mut. Die Bereitschaft, Wahrheiten trotzt möglicher Nachteile offen anzusprechen. Dabei Visionär zu sein. Der Kariere ist das oft hinderlich. Aber es kann dazu beitragen, gute Politik mit nachhaltigen Wirkungen für die Gesellschaft zu machen.

Sich an Beethoven, seinen Einstellungen und seinem Verhalten zu orientieren, ist nicht leicht. Vielleicht ist es sogar unrealistisch. Aber ich denke, wir können einige Berufspolitiker von diesem Schlag gebrauchen.

Widersprüchlich, rätselhaft, für mich einfach: „Großartig“

„Wahre Kunst bleibt unvergänglich“, schrieb Beethoven an Luigi Cherubini in Paris im März 1823 und beschrieb damit sehr treffend die tatsächliche Wirkung und Bedeutung vieler seiner Werke bis heute. Als Mensch bleibt Beethoven widersprüchlich und rätselhaft. Und gerade deswegen ist er beeindruckend, großartig.

2 Kommentare zu „Ludwig van Beethoven – und Berufspolitiker heute!

  1. Vielen Dank für die interessanten Überlegungen!
    Beethoven hat uns großartige Musik beschert. Darin war er Meister.
    Als Ersatzvater für seinen Neffen Karl war er ein Versager. Er trieb ihn mit viel zu hohen Ansprüchen bis zu einem Selbstmordversuch.
    Meine Meinung: Was man von Politikern verlangen sollte , ist nicht so sehr die Befolgung von Beethovens Sprüchen, sondern solides Können und eine Berufsauffassung wie er es vorgelebt hat.

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank, lieber Franz Firla! Es freut mich, dass Sie meine persönlichen Überlegungen interessant fanden. Dass Beethoven sich um seinen unglücklichen Neffen Karl kümmerte und dass sein Neffe einen Selbstmordvesuch unternahm, weiß ich wohl. Immerhin hat er versucht, ihn zu unterstützen, auch wenn er damit scheiterte. Mir geht es nicht um die Zitate. Mir geht es um die Haltung und um die Berufsauffassung, wie Sie es sagen. Und darum, dass Beethoven das machte, was er für richtig hielt, auch wenn er damit gegen Konventionen verstieß. Deswegen haben Sie völlig recht, dass solides Können bei Politikern erforderlich ist. Hinzu kommt meines Erachtens der Wille, das gegebenenfalls auch gegen Widerstände anzuwenden.

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